Wollen Sie mal was anderes erleben?
Schon mal auf einem Maskenball im Juli gewesen?
Sie können nicht schlafen?
Kocherlball |
Vor hundert Jahren etwa gab es in München noch hochherrschaftliche
Häuser, deren Angestellte - Dienstmädchen, Köche, Butler,
später auch Chauffeure und so weiter - natürlich auch mal
ein schönes Sommerfest für ihresgleichen machen wollten.
Doch wie sollte man es machen? Die Bedingungen waren ja nicht so, daß
sich alle gleichzeitig frei nehmen konnten. So entstand dann also der Kocherlball,
das Sommerfest der Münchner Hausangestellten, ein Fest, das morgens
um 6 Uhr begann und bis um 10 Uhr dauerte.
Seit 1989, zum 200. Jubiläum des Englischen Garten, wird der Kocherlball
wieder gefeiert, in Ermanglung des zahlreichen Hauspersonals allerdings von allen,
die es schaffen, entweder bis um 6 Uhr durchzumachen oder sich - entsprechend
früh natürlich - aus den Federn zu schleppen und zum
Chinesischen Turm zu fahren. Und früh aufstehen muß man!
Da die halbe Menschheit ja auch zum Biergarten mit dem Auto fährt,
war der Parkplatz bereits um 5:30 geschlossen, wegen Überfüllung...
Viele kamen auch mit Taxis oder mit dem Fahrrad.
Dieses Jahr gab es leider eine unschöne Neuerung: dem Wirt kam es in
den Sinn, die schönsten Tische (und das waren eine ganze Menge) mit
Reserviert-Schildern zu belegen und die stolze Summe von DM 35 zu
verlangen?????!?!?! Dies führte natürlich zu großem
Unmut untern den alteingesessenen Münchnern, viele wollen
nächstes Jahr nicht mehr wieder kommen.
Irgendwie ist es ja auch komisch: ein Ball für die Nicht-Privilegierten
wird durch unmäßig hohe Kosten zu einem Ball für Münchens
Schickeria.
Wir haben uns jedoch nicht stören lassen, konnten wir doch um zehn Minuten
vor sechs Uhr noch einen ganz guten Platz ergattern. Das Ambiente dieser etwas
unrealen Veranstaltung war es echt wert: ein Biergarten so voll, wie wir es noch
nie bei normem Biergartenbetrieb erlebt hatten: man spricht von 15.000
Besuchern (und das, wie gesagt, um 6:00 Uhr!). Viele Leute kommen in Originaltrachten
aus allen Bayerischen Gebieten, noch mehr in Verkleidungen von Hausangestellten
des letzten Jahrhunderts. Und die Biertische, reich gedeckt mit Frühstück
und Sekt und Champagner. (Zum Leidwesen des Wirtes jedoch hatten sich viele
ihr Getränk mitgebracht, etwas, was eigentlich nicht toleriert wird
und für einen Biergarten auch nicht normal ist, im Gegensatz zu essbarem
Mitgebrachten)
Wir schlossen uns dem Brauchtum an und starteten mit einem Weißwurstfrühstück ganz traditionsgemäß. Schließlich konnte man ja wieder ins Bett gehen, es war ja Sonntag. Da saßen wir also gücklich, hatten zu Essen und zu Trinken, freundliche Tischnachbarn und konnten den ganzen unglücklichen Menschen nachschauen, die keinen Platz mehr ergattern konnten.
Wenn man mutig war, so konnte man versuchen, sich der Musik zu nähern, indem man sich durch unglaublich verstopfte Gänge kämpfte. Hatte man diesen Teil geschafft, war es sogar möglich, zu tanzen.
Sie sollten nächstes Jahr im Juli auch mal vorbei kommen, es lohnt sich! Nur eines: setzen Sie sich nicht an die Tische, an denen es reserviert ist! Das lohnt sich nicht! Die netteren Menschen finden sie an den normalen Tischen.